Mein Jahr in Rennes

Deutsch-Französischer Freiwilligendienst des OFAJs

In Deutschland ist es sehr weitverbreitet, ein Jahr nach dem Abi im Ausland zu verbringen. Ein Gapyear. Sich selbst finden. Mal von zu Hause weggehen. Was Neues sehen. Perspektivwechsel. Da ich ein deutsch-französisches AbiBac gemacht hatte und nach 12 Jahren Schule keine Motivation hatte, mich sofort in 5 weitere Jahre Auswendiglernen und Wiedergeben zu stürzen, bewarb ich mich für den deutsch-französischen Freiwilligendienst des OFAJs.
 

Ankunftsbild: Lucie, meine Tutorin, und Kilian, der Freiwillige von vor zwei Jahren, hatten mich am Bahnhof abgeholt

In Frankreich wurde mir dann auch immer mehr klar, was für ein Glück wir in Deutschland haben, dass ein Jahr im Ausland fast schon zum guten Ton gehört und wir dieses Jahr fast überall auf der Welt für relativ wenig Geld und Aufwand verbringen können. Gerade für das OFAJ kann ich in dem Zusammenhang nur Werbung machen: alles, was Organisationszeug oder Papierkram ist, wird einem fast komplett abgenommen, super nette Mitarbeiter stehen für jede eigentlich schon zwanzigmal beantwortete Frage zur Verfügung, es werden vier Seminare für alle deutschen und französischen Freiwilligen gemeinsam organisiert und je nach Einsatzstelle hat man die Chance, ein tolles Jahr in einer tollen Stadt zu verbringen.
So wie ich. Rennes hatte ich mir aktiv ausgesucht, da ich den Freiwilligen, der hier zwei Jahre vor mir gearbeitet hatte, kenne (Er kommt aus der gleichen Stadt wie ich in Deutschland: Halle, sehr hübsch, sehr sehenswert!) und dieser aus dem Schwärmen gar nicht mehr rauskam. Rennes war, soweit ich das beurteilen kann, auch für mich die absolut richtige Wahl. Ich hatte enormes Glück mit meinen Tutoren (Lucie und Benoît sind kleine Goldstücke! Wie auch Adrien!) und war auf drei unterschiedliche, aber gleich nette und sympathische Einsatzstellen aufgeteilt: Montag am Crous, Dienstag und den halben Freitag an der Fac de Droit und den halben Mittwoch und Donnerstag am IEP. Am Crous bereitete ich das ganze Jahr über einen Austausch mit dem Studentenwerk der Partnerstadt Rennes, Erlangen, vor, an dem ich schließlich ärgerlicherweise gar nicht teilnehmen konnte. An der Fac und am IEP waren meine Aufgaben weiter gefächert, von langweiligem Einscannen und Ausdrucken bis zu eine Woche nach Eichstätt fahren, um die deutschen und französischen Studenten zu begleiten, war da viel dabei.
 

Ich und zwei andere OFAJ-Freiwillige in Strasbourg

Ich denke, dass einem vor so einem Freiwilligendienst dennoch klar sein muss, dass es eben nur genau das ist: ein Freiwilligendienst, bestehend aus Arbeit, die auch jeder andere machen könnte und die die Welt nicht verändern wird. Ich sage das nicht enttäuscht, ich war damit sehr zufrieden: ich hatte viel Zeit nebenbei, um mir ein richtiges kleines Leben hier aufbauen zu können (mit Freunden, Lieblingsbar, -café und -kino und sogar Pflanzen in meinem Zimmer!) und um viel reisen zu können. Ich sage das nur, um die Sache richtigzustellen. Viele meiner Freunde, die wie ich ein Jahr ins Ausland gegangen sind wollten „der Gesellschaft etwas zurückgeben“, „erste professionelle Erfahrungen sammeln“ oder „die Welt ein Stückchen besser machen“, aber der Mensch, der von deinem Jahr im Ausland (hoffentlich!) am meisten profitiert, bist du. Ich war es zumindest.
 

Saint-Malo, ganz am Anfang meines Jahres, mit Anna
Cancale, ganz am Ende meines Jahres, mit Anna

Ich war jetzt zehn Monate in Rennes und es hört sich vielleicht nach einem Klischee an, aber ich merke tatsächlich, wie ich nicht mehr die Person bin, die ich davor war. Ich bin direkt nach dem Abi knapp ein Jahr von zu Hause und allem, was ich kannte und mochte weggegangen und das hat mir unglaublich viel gebracht (Raus aus der Komfortzone!). Das fängt mit kleinen Sachen an (Was esse ich heute zum Abendessen und morgen zum Frühstück? Bei wie viel Grad wasche ich welches Kleidungsstück? Oh fuck, es gibt einen Abfluss, den ich echt mal reinigen sollte!) und endet irgendwann in größeren Dingen (Ich mache ein Wochenende ganz alleine Urlaub in einer Stadt in der Nähe, die ich noch nicht kenne. Ich entscheide, was ich nächstes Jahr machen möchte. Ich kann Zeit mit mir alleine verbringen, alleine ins Kino gehen zum Beispiel, ohne mich komisch zu fühlen.). Für mich ging es viel um Selbstständigkeit, darum, zu entscheiden, was ich gerade jetzt tun oder nicht tun möchte, mir aktiv Dinge zu tun und Leute zum Kennenlernen zu suchen. Ich kann besser Prioritäten setzen, mein Leben zu sehr großen Teilen alleine planen (Von Steuern, Versicherungen etc. hab ich noch immer so gut wie keinen Plan und ich hoffe auch fest, mich davor auch noch ein paar Jahre drücken zu können!) und mich in einem französischsprechenden Umfeld fast gänzlich so bewegen, wie ich es auch in einem deutschsprechenden tue.
 

Eine der zahllosen Postkarten, die ich aus Rennes geschickt habe

Vielleicht ist das jetzt übertrieben und ich werde gerade einfach sehr nostalgisch und emotional, weil ich in zwei Wochen das alles hinter mir lassen und mein Leben hier irgendwie in einen viel zu kleinen Koffer kriegen muss, aber ich habe das Gefühl, noch nie so sehr ich selbst gewesen zu sein, wie ich es dieses Jahr war. Mir hat das alles sogar so gut gefallen, dass ich noch einen zweiten Freiwilligendienst absolvieren werde, ab September, in Israel diesmal. Ich kann also jedem, der über ein Jahr (oder auch nur ein halbes!) im Ausland nachdenkt, nur raten, es einfach zu tun!
 

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